Google-Penalty durch Russen- und Polenlinks?

Im Februar 2008 war ich im Bereich der OnPage-Optimierung kurz als eine Art Gutachter für einen Kunden tätig, der im Bereich der OffPage-Optimierung durch eine andere SEO-Agentur betreut wird (Ich erinnere hier an den Artikel „Kündigungsproblem bei SEO-Dienstleistung“, wo es bereits um diesen Kunden und sein Problem ging). Damals rankte der Kunde bei Google dauerhaft und gut, Platz 1 bei einem umkämpften generischen Key unter 5 Millionen Treffern ist schon ganz nett.

Durch Zufall schaute ich mir heute dessen Seite und die damaligen TopRankings mal wieder an. Nichts. Keine Platzierung in den Top30 mit diesem Projekt. Eine 98er-Domain fast völlig aus dem Index geballert. Wie konnte das geschehen?

Ich schaute mir den Backlinkaufbau an. Auffällig: Webverzeichnisse dominieren, dazwischen finden sich als stärkste Links Seiten aus Russland und Polen. 70% der Links kommen von deutschen Seiten, der eindeutig osteuropäische Anteil (ich lasse mal .com, .org etc. beiseite) beläuft sich auf grade mal 5%. Kann so etwas zur Abstrafung führen?

Auf jeden Fall wird in der Szene grade darüber diskutiert. Seokratie schrieb am 02.01.09:

Die .RU Problematik scheint Google momentan immer noch nicht zu interessieren, aber es geht eben um das Masse-statt-Klasse Prinzip.

Wirklich? Gretus stellt provokant die Frage, „ob man zum einen das Risiko eingehen will, früher oder später abgestraft zu werden“, Jens bittet darum, „Google bekommt hoffentlich die russischen Links in den Griff“ und Jochen macht Russen-Links als das „aktuelle Thema der SEO Szene“ aus. Jojo meinte einen Tag vor Weihnachten, dass „aber noch nicht die Schwelle erreicht [ist], an der sich Google zum Handeln gezwungen sieht“ und differenziert.

Der wirkliche Knaller zum Thema ist der Artikel von Eisy. Manch einer spingt dort in den Kommentaren schräg drauf an. Deshalb: Es ist völlig legitim, wenn ein SEO seine eigenen Projekte mit Links füttert, die bedenklich werden können, denn er weiß um das Risiko und ist nur selbst betroffen. Aber wenn es um Kundenprojekte geht? Eisy schreibt:

Es nervt mich, wenn SEOs die russische Links mieten, ihre Kundenseiten in Gefahr bringen. Wenn sich Leute mit ihrem Tun und Handeln nicht bewusst darüber sein wollen, dass ein abgeschmierter Onlineshop für die Gefährdung der Existenz sorgen kann, dann bekomme ich das große Kotzen!

Ich würde es nicht ganz so emotional ausdrücken, aber ansonsten bin ich einverstanden: Der Kunde muss wissen, welches Risiko er eingeht. Im Moment gehe ich beispielsweise davon aus, dass Links von Webverzeichnissen nicht schaden können, selbst wenn sie nichts bringen sollten. Aber hält jemand wirklich Google für so blöd, dass sie einen Mix aus reinen Verzeichniseinträgen und Russenlinks (um das Ganze mal mit diesem Schlagwort zusammenzufassen) nicht merken? Dass in einem solchen Fall die Stütze von sauber wirkenden starken deutschen Links so fehlt, dass die wenigen Prozent osteuropäischer Links als einzig wirklich starke Links im Linkmix dann doch auffallen können?

Der Zeitpunkt der Penalty liegt etwa im August 2008. Ende Juli begann der Abstieg, der am 04. August vollzogen war. Schaue ich mich nun bei den Verlierern des Indexwatch 2008 um wie beispielsweise onlygame.de, entdecke ich genau dasselbe: Absturz von Ende Juli bis zum 04. August 2008. Johannes schreibt:

Über die genauen Gründe kann man nur rätseln, wenn ich allerdings die Backlinks der Domain überfliege, so findet sich dort wirklich alle (dreckigen) Methoden, die häufig als „schneller und günstiger Backlinkaufbau“ verkauft werden.

Auch ich kann nicht eindeutig sagen: Die Abstrafung liegt an den Links von russischen und polnischen Seiten. Zumal noch so manche Seiten, die derartigen Backlinkaufbau betreiben, vorn mitspielen. Aber ich frage mich, ob Google im Juli/August 2008 nicht einen weitgehend unbemerkten (?) ersten Warnschuss abgegeben hat bei Seiten, bei denen der Linkmix eine eindeutige Tendenz hatte.

Denn Fakt ist: Warum sollen russische Seiten, die sich mit Motorsport, Mode, Soziales, IT-Nerdkram oder Historie beschäftigen, auf eine deutsche Seite aus einem völlig anderen Themenumfeld linken? Die Kombination aus Fremdsprachigkeit und fehlender Themenrelevanz ist sehr auffällig, ebenso wie die Häufung ausgehender deutscher Links im Footer zu Online-Apotheken, Reiseseiten etc. Wenn die verlinkenden Seiten dann noch früher ordentlich PageRank besaßen und nun ein guter Teil davon keinen oder nur noch PR0 besitzt, ist aus meiner Sicht die Wahrscheinlichkeit groß, dass hier eingegriffen wurde.

Klar, es gibt immer wieder Lücken in Googles Algorithmen, die schlaue SEO’s gern ausnutzen. Manches lässt sich auch hinsichtlich der Risiken nicht immer wirklich klar einschätzen (bsp. „Ab wann wird der Linkmix in Kombination mit Platzierungen und PageRank auffällig?“). Aber gerade im Bereich der Linkbildung muss man dem Kunden klar machen, dass ein gewisses Risiko besteht. Und sich am Besten durch entsprechende Verträge/AGB’s gegen Regressforderungen absichern – ansonsten ist die einzige Rettung einer betroffenen SEO-Agentur, dass es vielleicht nicht wirklich nachweisbar ist, wenn die Linkbildungsmaßnahmen den Ausschluss aus vorderen Bereichen des Index bewirkt haben. Doch Klarheit auf beiden Seiten wäre hilfreich, um unsere boomende, aber durchaus in Verruf stehende Branche nicht noch weiter in Misskredit zu bringen.

 

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