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Suchmaschinenoptimierung für politische Parteien

Barack Obama ist designierter Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Entscheidend für seinen Sieg war seine Presse- und Öffentlichtkeitsarbeit, nicht zuletzt im Internet (http://www.seo-experimente.de/2008/01/20/obama-als-zweites-experiment/,2,3, http://jkw-media.de/1194.barack-obama-ist-president,5,6,7,8,9). Auch wenn wir in Deutschland noch nicht so internetaffin wie die USA sind, die Zeichen der Zeit sind eindeutig. Nun bin ich im Kontakt mit der Bundestagsfraktion einer politischen Partei, die wohl im Bereich des Online-Marketings für die kommende Bundestagswahl Zeichen setzen möchte. Zeit, mal wieder ein wenig zu reflektieren, Freunde der Zunft.

Okay, SEO, Ethik und Politik sind Anliegen von mir, so unvereinbar diese Begriffe zuweilen scheinen mögen. Auch wenn ich derzeit über einen Umzug nach Bayern meditiere, frage ich mich doch: Kann ich für eine politische Partei als SEO tätig sein?

In meiner wilden Jugend war ich ein Fan der Grünen und half damals ein wenig bei der Gründung eines Landesverbandes mit. Als alter Saarländer habe ich auch kein vergleichbares Problem mit Oscars neuer Liebe wie seine ehemaligen Genossen. Nur die ganz Rechten mag ich einfach nicht leiden. Obwohl ich schon seit Jahren predige, dass ein Nationalgefühl in Maßen wichtig sein kann und man Repubilkanern und NPD dieses Feld keinesfalls überlassen darf – insofern hat mich das neue Nationalgefühl unseres Landes aufgrund der WM 2006 sehr gefreut.

Einer meiner Gurus ist Ken Wilber und sein Integraler Ansatz (wobei ich aktuell Epigenetik und Bruce Lipton abfahre und die DVD “Intelligente Zellen” jedem empfehle, der sich vorstellen kann, dass der Mind über die DNS herrschen kann). Dank Ken konnte ich etwas wichtiges verstehen: Warum ich mich bei keiner einzigen politischen Partei wirklich wohl fühle und keine komplett ablehne. Denn ich finde bei jeder etwas gutes (und ebenso etwas zum Kritisieren): Bei den Grünen die Ökologie und Multikulti (gleichzeitig nervt mich die Überzogenheit mancher Einstellungen), bei der SPD die Bereitschaft zu Reformen (die dann aber gnadenlos verwässert und in den Sand gesetzt werden), bei der FDP die Förderung von Wirtschaft und Selbständigkeit (die dann wieder anderes aus der Sicht verliert) und bei der CDU/CSU die Stärke und Stabilität (die aber wieder in Bewegungsunfähigkeit und Stagnation führen kann). Meine persönliche Vision ist es, dass die Besten jeder Partei sich zusammentun, um das Beste für dieses Land und diesen Planeten zu erreichen – jenseits aller Parteikonzepte (also die ursprüngliche Wortbedeutung der Aristokratie, vgl. Platon, Politikos, 291c–303d).

So musste ich mich fragen: Kann ich denn für eine dieser Parteien SEO betreiben? Und habe für mich entschieden, dass ich es tun und angesichts meines Berufsethos das Beste geben würde, auch wenn diese Partei bei der Wahl nicht unbedingt meine Stimme sicher hätte. Genauso wie ich grade als externer SEO-Dienstleister für eine führende Firma in Sachen plastischer Chirurgie tätig bin (und ob des Titels anfangs fast glaubte, dass Marcus in einem ähnlichen Auftrag unterwegs sei), obwohl ich meiner Frau nie empfehlen würde, sich unters Messer zu legen (Nein, Dennis, bevor du fragst, es hat nichts damit zu tun, dass ich immer noch unter “Schwellkörperfraktur” ranke *g*). Also: Eine Trennung von Job und Fachkompetenz auf der einen Seite und privater Denke auf der anderen Seite – zumindest bis zu einem gewissen Grad.

Mich würde eure Meinung interessieren: Wo sind die Grenzen dessen, auf was ihr optimieren würdet? Was waren die grenzwertigsten Keywords, für die ihr optimiert habt? Welche Dinge habt ihr abgelehnt? Wie weit seid ihr bereit zu gehen? Was ist das ausschlaggebende Kriterium: Geld, die Herausforderung als SEO, Renommee? Oder doch eine persönliche Ethik und euer Gewissen? Was denkt ihr überhaupt zu solchen Fragen? Und was meinen Inhouse-SEOs wie Jens oder Uwe zu diesem Thema, bei denen ich mir sicher bin, dass sie nicht über alles glücklich sind, was ihnen die Konzernleitung so vorgibt?

Autor:

Frank Doerr (aka Loewenherz) ist seit 1996 online, Geschäftsführer der Online-Marketing Agentur Spinpool GmbH und Inhaber der Webdesign-Agentur Wolke23. Fachjournalist (bdfj) und Buchautor. Er hält Vorträge auf SEO-Konferenzen, organisierte den SEO Stammtisch Rhein-Main und hat die erste offizielle Dokumentation der SISTRIX Toolbox verfasst. In den 90ern Lehrauftrag an der FH Frankfurt/Main, 2015 an der Hochschule Darmstadt, Fachbereich Informationswissenschaft.

6 Kommentare

  1. Pingback: Jonas’ Blog | Wie mächtig sind SEOs? Können SEOs über die Politik entscheiden?

  2. Absolut spannender Beitrag!

    Ich würde bspw. nicht für eine Partei optimieren, deren Grundgedanken für mich nicht vereinbar wären, dazu zählt für mich die von dir oben angesprochene NPD. Die könnten mir zahlen was sie möchten, ich würde ablehnen.

    Ansonsten muß jeder für sich selbst entscheiden auf was er optimiert, alles was jedoch gegen Recht, Gesetz, Menschenwürde, o.ä. verstößt, findet bei mir keinen Anklang.

    Und SEO für die Schwarzen (so lese ichs zumindest zwischen den Zeilen heraus), ist beileibe nichts schlimmes, obwohl ich wahrscheinlich auch kein Kreuzerl bei Ihnen machen würde. Trotzdem bin ich als Bayer immer noch irgendwie FJ Strauß infiziert 😉

    Schöne Grüße,
    Sascha

  3. Ich persönlich ziehe die Grenzen ein klein wenig anders als Du. Mit Schönheits-OP hätte ich keine Probleme, bei schufafreien Krediten und Glücksspiel schon. Atom-Lobby hätte bei mir auch keine Chance.

    Meine Honorare haben sogar eine Sozial-Variable, d.h. Themen die ich unterstützenswert finde oder Jungunternehmer bekommen einen Faktor kleiner ein, bei Konzernen gibts eben einen Faktor deutlich größer eins.

  4. Jeder SEO-Dienstleister sollte selber wissen, inwiefern er bestimmte Webseiten unterstützt, die mit eigener moralischer Ansicht nicht zu vereinbaren sind. Ein gewisses Maß an Toleranz sollte dabei allerdings nicht fehlen. Obwohl ich selber bereits alle Anfragen von Parteien mit zweifelhaften Ansichten und alle Anbieter mit verbrecherischem Hintergrund abgewiesen habe, die nach Suchmaschinenoptimierung verlangt haben.

  5. interessant geschrieben, würde mich wirklich mal interessieren 😉

  6. Pingback: Neutrale und unabhängige Medien? | Chaim

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