SEOs – die Rockstars der IT-Branche?

Dank SEOktoberfest ist bei Sistrix eine lustige Diskussion im Gange – wie bereits im Vorfeld in manchen Blogs. Gretus, den ich schon mal im Juli mit Scheuklappen und Selbstbeweihräucherung in der SEO Szene? zum Anlass eines Statements nahm, regt sich mal wieder auf. Zeit, das Frühstück mit einer differenzierteren Betrachtung zu beginnen.

Was Gretus nervt? Prahlerei, Kokettieren mit Einnahmen, „Champagner und Rumgetöse“, „Tittenbilder“. „Wichtigmacherei“, „SEO als Promistatus“. Das alte Lied also, welches durch das SEOktoberfest zum Prosit des Neides wird. Man soll laut Gretus sehen, dass SEO harte Arbeit ist.

Ich bin sicher, dass Blog von Mediadonis wäre weniger interessant, wenn man ihn auf Bildern immer nur allein angestrengt in den Monitor starren sehen würde. Und es gibt grade vom Event auch Fotos, die den Fortbildungscharakter deutlich zeigen. Was hat Gretus denn sonst erwartet? Dass alle geilen Tipps, die dort intern und weitgehend offen weitergegeben wurden, nun fröhlich in Blogs publiziert werden?

Wer hart arbeitet, kann’s ruhig mal krachen lassen. Und ich bin mir sicher: Jeder, der es in der SEO Szene zu etwas gebracht hat, muss Jahre seines Lebens hart gearbeitet haben. United20 beschreibt dies im Gegensatz zum eher neidisch wirkenden Gretus schon anders:

Oft nehmen sich junge Leute dann Beispiel an den Persönlichkeiten der SEO-Szene und meinen dass sie das auch können. Doch das hinter Projekten harte und oftmals nervenaufreibende Arbeit steckt, wird ausgeblendet.

Dies ist ein durchaus interessanter Denkansatz. Und davon ausgehend werde ich jetzt mal ein wenig Stoff zum Nachdenken liefern für diejenigen, die dem offen gegenüber stehen. Lasst mich mit einer privaten Geschichte beginnen.

Gretus unterstellt „Aufmerksamskeitsdefizit aufgrund fehlgeschlagener Kariereplanung“. Und das ausgerechnet erfolgreichen SEOs. Ich schätze mal, dass viele in dieser – absolut männerdominierten Szene – Mitte 20 bis Mitte 30 sind. Klassisches Partyalter. Oftmals keine feste Partnerschaft, vor allen Dingen keine Kinder. Gute Zeit, um es krachen zu lassen. Einfach weil Feiern Spaß macht, nicht weil man Aufmerksamkeit braucht. Weil man abfeiern muss, um das System nach harter Arbeit wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

Rockmusik und SEO – ein privater Vergleich

Bekanntlich habe ich 17 Jahre Bühnenlaufbahn als Rockmusiker auf dem Buckel (parallel zu Studium etc). Neben so richtigen Knochenjobs wie auf dem Bau mit das Kräftezehrendste, was ich erlebt habe. Und gleichzeitig die absolute Party. Ob auf geschlossenen Partys mit den Jungs von Deep Purple, Freakevents mit The Can, Guru Guru und Embryo oder einfach nur nachts im Proberaum nach dem Gig mit begeisterten Groupies. Mein Bedarf an Glamour und Exzessen ist gedeckt :) Und ich gönne es jedem. Das Gegenstück dazu könnte man im Puritanismus sehen, das die Wikipedia als Synonym für „Moralismus“ bezeichnet und mit Attributen wie „anämisch, kleingeistig, selbstverleugnend, heuchlerisch und nachtragend“ versieht. Genau der Geist, der aus Gretus Postings spricht und genau das, wogegen wir mit Rock‘n'Roll angestunken haben.

Was aber vielen nicht klar ist: Rockmusik ist harte Arbeit – also analog zum obigen Zitat von United20. Jeden Tag üben am Instrument, mehrmals die Woche Probe und dann am Wochenende das Ding umgeschnallt und raus auf die Bühne, den Leuten dein Bestes geben. Richtig hart das Tourleben: Wochen oder gar Monate in Bus und Hotels, ein entwurzeltes Leben, Stunden der Langeweile On the Road oder zwischen Soundcheck und Auftritt. Kein Wunder, dass viele Kollegen diese Tortur nur mit massivem Drogeneinsatz durchstehen können. Mein Filmtipp dazu: „Walk the Line“ über das Leben von Johnny Cash.

Was Rockmusik aber dennoch meist ist: Nicht nur harte, sondern auch ehrliche Arbeit. Klar gibt es Egomanen und Idioten, die Branche als Ganzes enthält viel Schrott, aber Rockmusik als solche ist für mich ein ehrliches Ding. Genau an dieser Stelle habe ich Bedenken, was die SEO Szene angeht.

Schwarze Vergangenheit

Wenn man bei erfolgreichen Suchmaschinenoptimierern nachschaut, stößt man oft genug auf ein verbindendes Element: Der überwiegende Teil hatte in der Vergangenheit den schwarzen Hut auf. Der Humus, auf dem heutige seriöse Projekte wachsen, der Vorsprung in der Szene durch Unmengen an Domains und Projekte, technische Ausstattung in Hard- und Software, die ganze finanzielle Basis existiert nur, weil früher gespammt wurde. Wer dann noch in die internationale Szene schaut, findet richtig illegales. Wer eine solche Phase unbeschadet übersteht, kann froh sein. Und hat in zehn Jahren eine Menge guter Stories für Ehemaligentreffen parat: „Weißt du noch, wie wir damals…“

Kant, Ethik und Spam

Ich rede hier nicht von Jungs, die ihr Geld mit Pokerseiten machen. Persönliche Ethik unterscheidet sich durchaus von den Richtlinien einer Suchmaschine oder den zuweilen auch sinnlosen Gesetzen eines Staates. Und Poker in der Variante Texas Hold‘Em ist für mich kein Glücksspiel und das staatliche Glücksspielmonopol diskussionswürdig. Nein, ich rede hier von anderen Dingen.

Auf der OMD erzählte ich einem Online-Marketer von Kants kategorischem Imperativ als mögliche Maxime persönlichen ethischen Handelns. Er schaute mich verständnislos an. Ich nehm dann lieber die Variante aus dem Volksmund, die meine Oma gern verwendete und jeder kapiert: „Was du nicht willst, was man dir tue, das füg auch keinem andern zu.“

Immer wieder erhalte ich unter vier Augen Tipps – analog zu denen, wie sie beim SEOktoberfest gegeben worden sind. Doch mit den meisten kann ich nichts anfangen: Zu black, zu spammy. Ich betreibe Foren und bin genervt von Forenspam. Also mache ich es nicht, auch wenn es da einen noch so coolen Clou gibt. Es  nervt bereits, dass ich Captchas einsetzen muss, denn grade mein größtes Forum wendet sich an einfache Endnutzer und so manche ältere Dame scheitert an Sicherheitsmaßnahmen, die für unsereinen tägliches Brot sind. Ich mag das Medium eMail als effektive Kommunikationsmöglichkeit. Also trage ich nicht auch noch zur Erodierung bei, in dem ich Spam versende. Ich mag den Wert schöner, alter, gut verlinkter Domains – also verbrate ich sie nicht mit Domainspam (was sich mittlerweile eh nicht mehr wirklich lohnt). Ich liebe das Medium Internet und es gibt einfach so viel, was dieses Medium in meinen Augen kaputt macht. No way.

Illegale SEO-Aktivitäten

Zurück zum Illegalen, dort wo es wirklich dreckig wird. Da haben wir den Kollegen Shoemoney, der ODP-Editoren mit Geld kaufen wollte (versuchte Bestechung, üble Nachrede, gefolgt von Rufschädigung für ODP-Editoren). Da haben wir international bekannte SEOs, die auf gehypten Seiten Dinge verkaufen, den einfachen Leuten aber nach erfolgter Überweisung nichts liefern (Betrug). Seiten optimieren, auf denen nicht nur Cookies, sondern auch Dialer oder Trojaner untergeschoben werden. DAS sind Dinge, über die sich der gute Gretus mal aufregen sollte. Wenn solche Kerle mit Geld und Mädels dick tun, dann ist die Herausforderung an junge Menschen wirklich knifflig. Monatliche Einkommen im fünf- und sechsstelligen Bereich sind als SEO möglich – und verlockend. Und im Gegensatz zu den anderen, heimlicheren Stars der IT-Branche, den Hackern, kann man ein mehr an die Öffentlichkeit gehen und Aufmerksamkeit erhalten, grade heutzutage eine wichtige Währung.

Wie weiß jeder spätestens seit Star Wars: Die dunkle Seite der Macht ist mächtig und verführerisch. Welcher Kerl spürt nicht den Lockruf, wenn es um Geld, schöne, willige Frauen und geile Autos geht, um Macht und Attraktivität? Die Frage ist: Geb ich dem nach oder nicht? Vor allen Dingen: Wo ziehe ich meine eigene, ganz persönliche Grenze in dem, was ich zu tun bereit bin, um für meinen Lebensunterhalt zu sorgen?

Ein Beispiel: Ich habe mal über das Thema Anti-Linkmanagement geschrieben, also die durchaus real vorkommende Variante, einem Konkurrenten Links zu klauen (wobei dies noch böser geht, als in jenem Artikel beschrieben, aber ich will hier ja keine BlackHat-Anleitungen verfassen). Als ich dann mit einem richtig netten und von mir persönlich sehr geschätzten SEO sprach, was ich richtig geschockt, als dieser seine Bereitschaft ausdrückte, diese Methode anzuwenden. Bitte wie? Und wie soll ich jemandem auf der persönlichen Ebene Vertrauen entgegenbringen, von dem ich weiß, dass er Leute abzockt?

SEO-Vorbilder braucht die Szene

Liegt diese Bereitschaft zu unethischem Handeln an der Virtualität unseres Jobs? Als Rockmusiker begegne ich dem Publikum direkt – und wehe, es ist nicht zufrieden. Auf offener Bühne ausgepfiffen oder ausgebuht zu werden, dürfte eine unangenehme Erfahrung werden. Ich fand es schon frustrierend, wenn der Funke nicht übersprang, man an einem Abend das Publikum nicht erreichte. Der SEO sitzt oftmals zu Haus in seinem stillen Kämmerchen. Wer dann noch nicht einmal mehr für Kunden arbeitet, kann völlig abheben.

Ich musste dieser Tage wieder einsehen, dass ich aufgrund meiner Arbeitsethik als SEO nie wirklich reich werden kann. Was ich erreichen kann: Durch einige Jahre harter Arbeit ein solides Einkommen mit einem Job zu haben, der meine Berufung ist. Allein das kann Glück bedeuten. Ich führe ein Leben mit Frau, vier Kindern und Hund – nicht einfach, aber erfüllend. Schnelles Geld im SEO-Bereich geht nur durch Dinge, die aus meiner Sicht unethisch sind. Dies wäre eine Sache, die Neueinsteigern klar gemacht werden sollte und was durch ein Bashing wie das von Gretus nicht geschieht.

Aber: Erreichen lässt sich einiges, auch ohne BlackHat. Auf der OMD habe ich 18/19jährige Jungs getroffen, die schon richtig gut dabei sind und bereits jetzt mehr verdienen als ihre Eltern. Ein Beispiel, das mich beeindruckt hat: Das Interview mit Andreas Bruckschlögl vom Dealer Shop und Rucksack Center. Respekt! Mag sein, der Weg ist länger, weniger verlockend. Aber ich denke, er ist gut für das Selbstwertgefühl und einen ungestörten Schlaf, sowie langfristig sicherer. Wer mich hier ebenfalls immer wieder beeindruckt, ist Johannes Beus aka Sistrix. Ich habe den Eindruck, dass Sistrix mit BlackHat nichts am Hut hat oder hatte – das sind Leitfiguren, wie die Szene sie braucht.

In der IT-Szene ist es manchmal schon schlimm genug, die Blicke zu ernten, wenn man sagt: „Ich bin SEO“. Auf normalen Partys sind die Leute derzeit noch eher uninformiert: „WAS bitte machst du?“. Aber ich habe keine Lust, mich irgendwann für meinen Job schämen zu müssen, nur weil einige den Ruf ruinieren.

Rotlicht, Russen und die Mafia

Ein kleiner Exkurs noch zum Gretus Vergleich der SEO Szene mit dem horizontalen Gewerbe. Die Grenze ist dünn: Nutten bei der OMClub-Party, SEOs, die Edelhuren gleich im Dutzend bestellen, das fällt ins Auge. Bekanntlich ist auch so mancher reiche Hacker ist mit der Pornoindustrie verheiratet. Der Rotlichtdistrikt bedeutet vor allem auch Annäherung an die organisierte Kriminalität. Wo Geld ist, wird deren Begehrlichkeit schnell geweckt. Ich hab mal darüber nachgedacht, dass Google SEOs kaufen könnte. Viel schlimmer dagegen die Vorstellung, die deutsche SEO-Szene könnte genau so wie das horizontale Gewerbe von den Russen organisiert werden.

Apropos Russen: Der russische Markt ist für SEOs sicherlich sehr interessant, gibt es hier doch eine Menge Geld zu verdienen. Russen lassen es bekanntlich richtig gern krachen. Aber grade hier wäre ich vorsichtig. Ein SEO Dienstleister hat grade einen deutschen Kunden (der mich in Notfällen konsultiert) aus den Top-Platzierungen geschossen – meiner Ansicht nach aufgrund zu starken Links von russischen Seiten und  eines dummen Fehlers in der OnPage-Optimierung. Der deutsche Kunde wird vielleicht meckern. Wenn dem SEO das dagegen bei einem Russen passiert wäre, wäre ein Besuch mehrerer Herren samt negativer Folgen für die Physis des SEOs nicht unwahrscheinlich gewesen. Man sollte also immer schauen, auf was und vor allem auf wen man sich einlässt…

Soziales Engagement

Das andere, was neben solider Arbeit wichtig ist, wäre soziales Engagement. Wer Geld in Massen verdient, soll einen Teil ruhig ausgeben fürs eigene Wohlbefinden, zur Verwirklichung privater Wünsche. Doch es wäre auch sinnvoll, einen Teil des Geldes wieder der Allgemeinheit zielgerichtet zur Verfügung zu stellen. Ein absolut beeindruckender Mensch ist hier Paul Newman (Lesetipp: Der Nachruf bei SPON). Mitten im Glamour Hollywoods gelang ihm eine erfüllende Beziehung, menschliche Integrität und Anteilnahme.

Mediadonis weist zuweilen auf seine ehrenamtliche Tätigkeit für die Müncher Tafel hin und auch Fridaynite hat mal ein Projekt erwähnt. Sicher, manche Menschen meckern auch, wenn man soziale Tätigkeiten erwähnt. Aber im Sinne des obigen Zitates von United20 macht der Vorbildcharakter es vermutlich notwendig, nicht mit solchen Dingen hinterm Berg zu halten: „Tue Gutes und sprich darüber“.

Allerdings sollte man schauen, wo und wie man sich engagiert. Bei sozialen Projekten ist Nachhaltigkeit das A & O. Ich habe unter anderem sechs Jahre sozialer Arbeit mit Jugendlichen in sozialen Brennpunkten in Frankfurt/Main und Offenbach hinter mir, Arbeit mit Behinderten, knapp vier Jahre Jugendberufshilfe und manches mehr. Dabei habe ich gelernt: Es hilft wenig, jemandem einfach Kohle in die Hand zu drücken. Was hilft: Menschen eine eigenverantwortliche Zukunft und Perspektiven zu ermöglichen.

So, Schluß mit der Gardinenpredigt *g*. Aber es war mir wichtiger, als ein Posting über das fünfte PageRank-Update 2008 vom 28.09.08 :)

 

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